blelb Das Labor für Gestaltung zwischen Kunst und Technik
 

Farbtäuschungen mit Spot 04

Die Versuchsanordnung
Die Geometrie der 24 quadratischen Felder in Spot 04 ist identisch: Sie besteht aus 36 repetierten quadratischen Modulen, welche aus vier farbigen Rechteckelementen zusammengesetzt sind. Die Proportionen dieser Rechtecke können analog zu Spot 01 interaktiv verändert werden. Die Zuweisung der vier wählbaren Farben kann auf genau 24 Arten erfolgen. Aus diesem Grund werden 24 verschiedene Felder generiert und in 4 Zeilen und 6 Spalten gezeigt.

Vier Farben, viele Nuancen
Ein physikalisches Auge könnte im ganzen Bild nur die vier interaktiv ausgewählten Farben feststellen. Das Sehorgan des Menschen hingegen nimmt eine Vielzahl von Farbnuancen war. Eine erste Ursache dieser komplexen Farbtäuschung, welche wir den Bezold*)-Effekt nennen, ist die Flächenteilung innerhalb des Moduls. Eine zweite Ursache ist die Farbnachbarschaft innerhalb des Moduls. Das blelb-Team hat bereits in früheren Publikationen versucht, die beiden Einflüsse zu trennen (vergl. Blue. Yellow. Red. von Hans Knuchel und Jürg Nänni).
Spot 08 fokussiert einen Teilaspekt von Spot 04: Die Farbnachbarschaft wird konstant gehalten, um die Auswirkungen der veränderten Elementproportionen getrennt beobachten zu können. In Spot 08 werden ausschliesslich Länge und Breite der Elemente vertauscht. Die Erläuterungen zu Spot 08 enthalten ein ergänzendes interaktives Experiment: Der Einfluss der Modulgeometrie wird mit 4 quadratischen Elementen unterdrückt und die Farbnachbarschaft wird verändert. Damit kann auch die Wirkung der oben erwähnten zweiten Ursache getrennt beobachtet werden.
Beispiel Spot 04
Das Testbild zeigt verschiedene Weiss-, verschiedene Blau-, verschiedene Rot- und verschiedene Gelbtöne, welche durch die Flächenteilung des im ganzen Bild konstanten Grundmoduls und durch die Farbnachbarschaft innerhalb eines Feldes entstehen. Die Farbveränderungen sind besonders augenfällig, wenn Gegenfarben im Spiel sind und grosse Kontraste vorhanden sind.

Das Rollenspiel von Grün
Die Veränderung dieser Farbe ist im Vergleich zu ihren Gegenspielern stark reduziert. Grün ist somit relativ farbkonstant, d.h. resistenter gegen Farbeinflüsse von Blau, Gelb und Rot als andere Farben. Grün liegt bekanntlich in der Mitte des sichtbaren Spektrums, und das menschliche Auge weist in diesem Bereich die höchste Rezeptor-Empfindlichkeit auf. Die Wellenlängenabstände zu den andern gewählten Farben sind minimiert und haben möglicherweise etwas mit der Stabilität von Grün zu tun. [Diese Resistenz könnte aber auch eine positive evolutionäre Entwicklung unserer pflanzenfressenden Vorfahren sein, welche evtl. ihr Überlebenspotential durch das eindeutige Identifizieren der lebenswichtigen Fotosynthese-Produkte vergrössert haben. Bei wechselndem Tageslicht mit Blau-, Gelb- und Rotverfärbungen kann eine Farbkonstanz der Grünflächen vorteilhaft sein.]

Eine Analogie zur Musik
In Analogie zur Musik kann man auch von unterschiedlichen Farbklängen der 24 Felder sprechen. Die vier gewählten Grundfarben entsprechen den Frequenzen von vier Tönen. Der Flächenanteil eines Farbelementes entspricht der Lautstärke des betreffenden Tons. Die Interaktionen und Interferenzen von «benachbarten» Tönen verändern die Wahrnehmung der Einzeltöne und bewirken ein kompliziertes intergrales Klangerlebnis mit merkwürdigen, scheinbaren Frequenzanpassungen. Ähnliche Täuschungen wurden im Zusammenhang mit sogenannten perfekten Orchesterklängen festgestellt.

Eine elementare, schöne Illustration zum Bezold Effekt*) findet man im Anhang von Spot 01 (vergl. Testbilder 19 und 20).

*) Prof. Wilhelm von Bezold hat 1874 eine umfangreiche Farbenlehre publiziert. Mit dem nach ihm benannten Farb-Effekt hat Bezold eigentlich nichts zu tun, er hat ihn vermutlich nicht einmal gekannt. Bezold untersucht in seinem Buch vor allem den Simultankontrast sowie Wahrnehmungstäuschungen bei Experimenten mit Licht und Schatten. In einem angewandten Kapitel versucht Bezold, seine Erkenntnisse der Textilindustrie und der Kunst zugänglich zu machen. Die Bezold Täuschung wurde vermutlich erst im 20. Jahrhundert entdeckt.
 
01.06.2002